Von der Forschungsfrage zum Arbeitstitel
Und nicht umgekehrt!
Warum der Weg von der Forschungsfrage zum Titel führen sollte – und nicht umgekehrt
In der Praxis zeigt sich häufig, dass Studierende ihre Abschlussarbeiten mit einem vermeintlich vielversprechenden Arbeitstitel beginnen, ohne zuvor eine tragfähige Forschungsfrage formuliert zu haben. Dieser Zugang erscheint aus Studierendensicht zunächst plausibel – schließlich bietet der Titel eine erste Orientierung. Dennoch führt dieses Vorgehen oft in eine Sackgasse. Ein Titel, welcher nicht aus einer klar definierten und überprüfbaren Fragestellung entwickelt wurde, mündet nicht selten in unscharfen Analysen, methodischen Brüchen, mangelnder Tiefe und Forschungsvorhaben, denen man ansieht, thematisch auf den gewünschten Titel “hingebogen” worden zu sein.
Viel wichtiger als der Titel der Arbeit ist dabei jedoch die Forschungsfrage, bildet sie doch das erkenntnisleitende Zentrum Ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Sie bestimmt, welche Daten erhoben werden, welche theoretischen Bezüge heranzuziehen sind und wie die Argumentationslinie aufgebaut wird. Erst auf dieser Grundlage lässt sich ein stimmiger Arbeitstitel entwickeln, nicht jedoch umgekehrt. Ein guter Titel ist das kondensierte Ergebnis einer durchdachten Auseinandersetzung mit einer relevanten Frage.
Gerade in Masterarbeiten, die sowohl wissenschaftliche Fundierung als auch Praxisrelevanz erfordern, ist diese Herangehensweise unverzichtbar. Wenn Sie hingegen vom Titel aus denken, riskieren Sie ein Konzept, das zwar eingängig klingt, aber inhaltlich kaum Substanz bietet.
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Die Forschungsfrage ist das zentrale Element der Arbeit – nicht der Titel.
Der Titel soll aus der Fragestellung abgeleitet werden, nicht umgekehrt.
Eine umgekehrte Herangehensweise birgt die Gefahr konzeptioneller Schwächen.
Merkmale einer guten Forschungsfrage
Nicht jede interessante Überlegung eignet sich automatisch als wissenschaftliche Forschungsfrage. Damit eine Frage den Anforderungen akademischer Arbeiten genügt, muss sie bestimmte Kriterien erfüllen.
Zunächst ist Relevanz entscheidend. Die Frage sollte sich auf ein Problem beziehen, das theoretisch anschlussfähig ist oder in der Praxis eine erkennbare Bedeutung hat. Dabei kommt es nicht nur auf Aktualität an – auch die Anschlussfähigkeit an bestehende Forschung zählt.
Ein zweiter Aspekt ist die Präzision. Vage oder unscharfe Begriffe wie „Einfluss“, „Bedeutung“ oder „Digitalisierung“ müssen präzisiert werden. Nur wenn klar ist, worum es genau geht, lässt sich die Frage sinnvoll beantworten.
Drittens muss die Frage bearbeitbar sein. Sie sollte sich mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen – Zeit, Daten, Methodenkenntnis – in realistischer Weise beantworten lassen.
Ein weiteres Kriterium ist die Operationalisierbarkeit. Das bedeutet: Die Begriffe in der Frage müssen, je nach Forschungsdesign, messbar oder zumindest systematisch analysierbar sein.
Nicht zuletzt sollte eine Forschungsfrage offen formuliert sein. Suggestivfragen oder solche, die lediglich ein „Ja“ oder „Nein“ erwarten lassen, sind ungeeignet. Stattdessen sollte die Frage Raum für differenzierte Analysen lassen.
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Eine tragfähige Forschungsfrage ist relevant, präzise, bearbeitbar, operationalisierbar und offen.
Vage oder zu breite Fragen erschweren die Analyse.
Eine gute Frage schafft die Basis für ein strukturiertes Forschungsvorgehen.
Wege zur Entwicklung einer Forschungsfrage
Die Entwicklung einer Forschungsfrage beginnt meist mit einem allgemeinen Themeninteresse. Um aus dieser ersten Idee eine belastbare Frage zu entwickeln, bieten sich verschiedene Zugänge an.
1. Literaturbasierter Zugang: Wenn Sie sich systematisch mit dem Forschungsstand auseinandersetzen, erkennen Sie schnell, welche Aspekte bislang vernachlässigt wurden. Widersprüche in der Literatur oder Forschungslücken bieten wertvolle Ansatzpunkte. Tipp: Konsultieren Sie im Vorfeld der Erarbeitung Ihres Konzeptes die einschlägigen wissenschaftlichen Fachzeitschriften aus Ihrem Interessensgebiet und legen Sie ein besonderes Augenmerk auf die Schlussfolgerungen und Fazite sowie Limitationen relevanter aktueller Studien. Meist bieten Ihnen die Wissenschaftler:innen hier bereits eine gute Inspirationsquelle in Hinblick auf neue Forschungsprojekte.
2. Praxisorientierter Zugang: Aus der Beobachtung realer Probleme in Organisationen oder gesellschaftlichen Kontexten entstehen häufig interessante Fragestellungen. Die Herausforderung besteht darin, diese Phänomene in eine theoretisch anschlussfähige Form zu überführen.
3. Theoriegeleiteter Zugang: Hier steht ein bestehendes Konzept oder Modell im Zentrum, welches überprüft, weiterentwickelt oder auf einen neuen Anwendungsbereich übertragen werden soll. Dieser Zugang eignet sich besonders für theoretisch ambitionierte Arbeiten, wobei hier allerdings sichergestellt werden muss, dass Ihre Arbeit keine rein konzeptionelle Arbeit wird, sondern auch den Anforderungen an ein empirisches Forschungsprojekt (quantitativ oder qualitativ) Gerecht wird.
4. Kombinierter Zugang: Am ergiebigsten ist oft eine Verbindung von Theorie und Praxis. Ein aktuelles Praxisproblem wird aufgegriffen, theoretisch eingeordnet und mit empirischen Methoden untersucht.
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Forschungsfragen können aus Literatur, Praxis, Theorie oder einer Kombination entstehen.
Der Zugang sollte zur Zielsetzung Ihrer Arbeit passen.
Systematische Eingrenzung ist essenziell für eine präzise Fragestellung.
Von der Forschungsfrage zum konkreten Thema und Arbeitstitel
Ist Ihre Forschungsfrage klar definiert, ergibt sich daraus das konkrete Thema der Arbeit fast wie von selbst. Dieses Thema bildet den inhaltlichen Rahmen und sollte die zentralen Begriffe der Fragestellung (Ihres Erkenntnisinteresses) aufgreifen. Der Arbeitstitel schließlich ist die sprachlich prägnante Form dieses Themas.
Ein gelungener Titel fasst das Erkenntnisinteresse präzise zusammen, ohne sich in Details zu verlieren. Er sollte weder zu allgemein, noch zu überladen sein. Ein guter Titel benennt das Untersuchungsfeld, die Zielsetzung und ggf. die Methode, ohne dabei jedoch künstlich kompliziert zu wirken.
Wichtig: Der Arbeitstitel ist im Rahmen Ihrer Konzeptphase noch vorläufig. Sie dürfen und sollen ihn im Vorfeld und in der ersten Phase nach Genehmigung Ihres Forschungskonzeptes (innerhalb der Abstimmungsphase mit Ihrem Betreuer) weiterentwickeln und ggf. noch sinnvoll konkretisieren, was ebenso für Ihre Forschungsfragen gilt.
Beispiel:
Forschungsfrage: „Wie beeinflusst die Einführung agiler Steuerungskonzepte die Mitarbeitermotivation in kommunalen Verwaltungen?“
Möglicher Titel: „Agile Verwaltungssteuerung und Motivation – Eine qualitative Studie in kommunalen Organisationen“
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Thema und Titel leiten sich aus der Fragestellung ab und nicht umgekehrt.
Der Titel ist ein Werkzeug zur Orientierung, kein kreativer Slogan.
Gute Titel sind präzise, informativ und sprachlich klar.
Praktische Hinweise und häufige Fehler
Gerade zu Beginn des Forschungsprozesses empfinden viele Studierende Unsicherheit. Das ist nicht ungewöhnlich, doch mit einer strukturierten Vorgehensweise lassen sich viele Probleme vermeiden.
Empfehlungen:
Beginnen Sie mit einer möglichst breiten Sammlung von Ideen – Themen, die Sie interessieren, Praxisprobleme, offene Fragen aus der Literatur.
Recherchieren Sie systematisch: Gibt es bereits Studien zum Thema? Welche Begriffe und Konzepte tauchen häufig auf?
Skizzieren Sie verschiedene Fragestellungen und prüfen Sie deren Tauglichkeit: Sind sie forschbar, relevant, präzise?
Holen Sie frühzeitig Feedback ein – bei der Betreuung, im Kolloquium oder im Austausch mit Kommiliton:innen.
Vermeiden Sie:
einen Titel ohne konzeptionellen Unterbau,
zu vage oder zu breit angelegte Fragestellungen,
das Ignorieren des Forschungsstandes,
eine zu ambitionierte Themenwahl mit unüberschaubarem Umfang.
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Gute Planung und iterative Überprüfung sichern die Qualität der Fragestellung.
Titel und Thema sollten aus der Frage hervorgehen, nicht umgekehrt.
Fehler in der frühen Phase wirken sich stark auf den weiteren Verlauf aus. Investieren Sie hier besonders viel Sorgfalt.